Unglaublich, aber wahr: Eine der größten Lektionen in Bezug auf meinen Wert und das in mir schlummernde Potenzial habe ich mit 19 in einem Autohaus gelernt.

Und nicht in irgendeinem, sondern bei Porsche. Nicht dass ich in dem Alter Porsche gefahren wäre … Aber geträumt hatte ich davon schon immer. Der Porsche 911 Turbo war mein absolutes Wunschauto.

Die Realität war ein bordeauroter Ford Fiesta aus dem Jahr 1991. Alt. Hässlich. Angerostet. Die ansteckbaren Chromleisten aus Plastik halfen leider auch nicht sehr, um die Karre aufzuwerten.

Mit genau diesem Auto bin ich mutig zum Porschehändler gefahren und habe mich auf dem Hof zwischen all die Bonzenautos gestellt. Das war vielleicht ein komisches Gefühl! Mein Auto passte da einfach nicht hin. ICH passte da nicht hin. Aber – ein Mann, eine Mission. Ich also geparkt, ausgestiegen und rein ins Autohaus.

Gut angezogene Menschen der gehobenen Mittel- und Oberklasse kamen mir mit großen Fragezeichen im Blick entgegen. Auch die Verkäufer wussten wohl nicht so richtig, was sie mit mir anstellen sollen. Mit einem mehr oder weniger freundlichen Mix aus „Was willst denn du hier?“ und „Geh lieber wieder raus!“ im Gesicht wurde ich erst mal ignoriert.

Doch dann passierte es: ein Verkäufer kam auf mich zu und fragte mich tatsächlich, wie er mir helfen könne. Ich erzählte ihm von meiner jahrelangen Schwärmerei für den Porsche 911 Turbo und stand endlich vor meinem Traumwagen. Ahnung davon hatte ich nicht wirklich. Wenn man mir zehn Autos präsentiert hätte, hätte ich den Porsche nicht erkannt. Der Verkäufer – ganz sicher im vollen Bewusstsein meiner Unwissenheit – nahm sich richtig Zeit, mir alles zu erklären. Er hörte sich geduldig die Geschichte von dem babyblauen Matchbox-Porsche an, den mir meine Eltern geschenkt hatten. Er investierte Zeit und Aufmerksamkeit in mich und gab mir sogar ein paar edle Hochglanzprospekte mit.

Als der Verkäufer am Ende des Gesprächs wissen wollte, ob ich noch Fragen hätte, konnte ich es mir nicht verkneifen: „Sie haben ja mein Auto gesehen, wie ich angezogen bin … man sieht, dass ich mir einen Porsche nicht leisten kann. Warum haben Sie mich trotzdem so ausführlich beraten, sich Zeit genommen und mir die tollen Prospekte gegeben?“

Er antwortete: „Wissen Sie, ich bediene nicht die Kunden von heute, sondern die von in zehn Jahren.“

Dieses Statement hat mich mega umgehauen. Dieser Mann hat ein Potenzial in mir gesehen, das ich selber und andere noch nicht in mir gesehen haben. Für ihn war ganz klar, dass ich die Chance hatte, in zehn Jahren den Porsche zu kaufen. Ein Lottogewinn würde ja reichen! Was für eine Lektion in Sachen Wertschätzung und Vision!

Goethe hat mal gesagt: „Behandle die Menschen so, als wären sie, was sie sein sollten, und du hilfst ihnen zu werden, was sie sein können.“

Genau das hat dieser Verkäufer getan. Er hat mich gesehen als der, der ich sein könnte. Dadurch sind in mir Ehrgeiz und Hoffnung entstanden, Zuversicht auf die Möglichkeit, dass ich mir irgendwann tatsächlich einen Porsche kaufen kann.

Wie siehst du die Menschen um dich herum? Was ist in ihrem Leben möglich? Was hältst du für unmöglich?
Schaust du auf das, was sie heute sind oder orientierst du dich an dem, was sie sein könnten?

Was, wenn der rotzige Teenager-Sohn vom Nachbarn ein späterer Schulleiter oder sogar Präsident ist? Und die bisschen zickige Mitstudentin die nächste Bundeskanzlerin? Wie wäre es, wenn du in den Leuten, die dich umgeben, zukünftige Minister, Feuerwehrmänner, Führungskräfte oder Weltverbesserer sehen könntest? Wie würde das dein Denken, Reden und Verhalten ihnen gegenüber verändern?


Ich bin neugierig. Erzähl mir was du davon denkst!

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