Ein Grundverständnis von Emotionen, Gefühlen und Stimmungen.

Bevor wir in das Thema einsteigen, ist es auf jeden Fall hilfreich, Klarheit zu schaffen und ein paar Begriffe zu definieren. Hierzu möchte ich zuallererst den Unterschied zwischen Emotionen, Gefühlen und Stimmungen erklären:

  1. Die Emotionen sind vergleichbar mit den Grundfarben. Zu den Kernemotionen werden je nach Studie 4 bis 16 unterschiedliche Emotionen hinzugezählt (hierauf werde ich in einem anderen Artikel näher eingehen).
  2. Unsere Gefühle sind ein bunter Mix aus mehreren Kernemotionen.
  3. Eine Stimmung ist eine eingefärbte Brille, durch die wir die Welt und unser Leben betrachten (Bild 1).
Bild 1

Schon von Kindheit an bringt man uns bei, unsere Gefühle zu verstecken. Von vielen Erwachsenen hört man immer wieder Sätze wie: „Wein doch nicht!“, „Du musst doch nicht traurig sein!“, „Ein Indianer kennt kein Schmerz!“, „Jetzt reiß dich mal zusammen!“ und ähnliches. 

Jedem von uns ist schon einmal so ein Satz über die Lippen gerutscht. Ganz ohne böse Hintergedanken. Man versucht einfach, das Kind zu trösten und zu beruhigen. Leider sind Kinder nicht so reflektiert und haben auch nicht all die Informationen, die bei uns dazu führen, dass wir gerade gestresst sind. Was in den meisten Fällen rüberkommt ist, dass wir es vermeiden sollten, unsere Gefühle zu zeigen (Bild 2). 

Bild 2

Im Kopf von Tom, einem fünfjährigen Jungen, entsteht eventuell folgende Logik: „Papa sagt, ich soll nicht weinen, so wie er selbst auch nie weint. Offensichtlich ist Weinen schlecht.“

Dreißig Jahre später ist Tom verheiratet und unfähig, Trauer, Schmerz und Enttäuschung angemessen auszudrücken. Anstatt zu weinen, wird Tom aggressiv. Warum das so ist, weiß er selber nicht. Heute hat Tom die Kündigung bekommen. Ganz unerwartet wurde er nach Hause geschickt. Die „negativen“ Gefühle in ihm stauen sich an, von Minute zu Minute wird es schlimmer. Diese Wut muss irgendwo hin. In diesem Moment kommt seine Frau um die Ecke …

Beim Versuch „nichts zu fühlen“ greifen wir auf Strategien zu, die uns betäuben sollen oder durch die wir das „falsche“ Gefühl kanalisieren: nichts mehr essen, zu viel essen, Alkohol- oder Drogenmissbrauch, Aggression, Sexsucht, Überarbeitung etc. Dadurch fühlen wir uns zwar vielleicht kurzfristig besser, auf lange Sicht gesehen werden aber die eigentlichen Probleme nur überdeckt und man fühlt sich noch schlechter. Im schlimmsten Fall verletzen wir andere Menschen und geben unsere Unfähigkeit, mit Emotionen umzugehen, an unsere Kinder weiter. Als Coach und Berater helfe ich meinen Klienten oft, ihre Emotionen zu identifizieren und auf gesunde Art und Weise auszudrücken. Hier kommt emotionale Intelligenz ins Spiel: 

Die Fähigkeit, sich der eigenen Emotionen bewusst zu sein, sie anzunehmen und auszudrücken und die Emotionen anderer Menschen zu erkennen und vernünftig und einfühlsam mit ihnen umzugehen.

Gesellschaftlich gibt es ein paar Lügen bzw. Annahmen,  die es uns erschweren, im Umgang mit unseren Emotionen intelligent zu werden:

Annahme Nr. 1: Ich ignoriere nur die unangenehmen Emotionen!

Wir sind nicht wirklich fähig, nur bestimmte Emotionen zu ignorieren. Das heißt: Wenn wir Trauer, Wut und Angst unterdrücken, passiert das gleiche auch mit Freude. Das Wunderbare am Menschsein ist unsere Fähigkeit, eine Vielzahl von Emotionen zu fühlen und auszudrücken. Du hast es verdient, ALLE deine Emotionen wahrzunehmen, die angenehmen und die unangenehmen (Bild 3). Warum das wichtig ist, kommt weiter unten.

Bild 3

Annahme Nr. 2: Ich höre einfach ganz auf zu fühlen, dann gibt’s auch kein Leid mehr!

Wenn du versuchst, deine Emotionen zu unterdrücken, führt das oft zu einer kurzfristigen Erleichterung, aber langfristig schadest du dir damit. Man versucht, seine Emotionen durch Alkohol, Drogen, Essanfälle, Hungern oder andere falsche Bewältigungsstrategien zu betäuben. Diese Strategien sorgen vielleicht für kurzfristige Erleichterung, führen aber langfristig dazu, dass man sich noch schlechter fühlt.

Wir können wählen uns mit den „unangenehmen“ Gefühlen unmittelbar auseinanderzusetzen – was aber langfristig hoffentlich dazu führt, dass wir einen angenehmen Zustand erreichen -, oder wir können uns entscheiden, emotionalem Schmerz im Moment zu entfliehen, ihn zu unterdrücken und irgendwann später darunter zu leiden. Kurz gesagt: Es ist nicht möglich, nicht zu fühlen und glücklich zu sein.

Annahme Nr. 3: Gefühle halten mich nur auf und bringen nichts!

Gefühle sind oft wichtige Signale, die uns zeigen, worauf wir in unserem Leben mehr achten sollten. Eifersucht zum Beispiel könnte ein Hinweis auf unbefriedigte Bedürfnisse oder Wünsche sein. Freude hilft dir zu erkennen, wenn deine Lebensweise in Einklang mit deinen Werten steht. Wut zeigt dir, wo Grenzen überschritten wurden oder deine Werte verletzt sind. Angst hält dich am Leben und hilft dir, ein sicheres Umfeld zu erschaffen. Trauer zeigt dir den Wert, den du einer Sache zugeschrieben hast. Alle Emotionen, sogar die unangenehmen, haben eine Funktion (Bild 4).

Bild 4

Emotionen sind die Voraussetzung für ein Leben das sich gut und erfolgreich anfühlt. Sie sind unschuldig und erst mal werteneutral, wie unsere Farben. Es kommt nicht darauf an, ob wir ein Gefühl angenehm empfinden oder eher nicht. Gefühle existieren um uns dazu zu bringen, Vorsichtig zu sein oder unser Vergnügen zu intensivieren. Sie sind Hinweise. Wenn wir uns zum Beispiel einsam fühlen, weist das auf einen Mangel an engen Beziehungen in unserem Leben hin. Oder wenn wir uns schuldig fühlen, weist das auf einen inneren Werteverstoß hin. Dieses Gefühl bringt uns dazu, etwas dagegen zu unternehmen (E-Motion).

Ich fasse es noch mal zusammen: Anstatt deine Gefühle zu unterdrücken, versuche sie aufmerksam zu beobachten. Zu Beginn könntest du dich zum Beispiel darauf konzentrieren, wie du dich gerade fühlst und wie sich das körperlich bemerkbar macht (Bild 5). 

Bild 5

Manchem fällt es vielleicht auch sehr schwer, eine Stimmung oder ein Gefühl in Worte zu fassen. Aber auch das kann man üben. Wie Analphabeten müssen wir vielleicht anfangs mit Bildern oder Farben arbeiten, um unsere Gefühle grob zu umschreiben. Später dann können wir sie immer genauer benennen und einordnen.

In meinen Gesprächen mit Klienten geht es oft um zwei Punkte: 

  1. die Emotion zu erkennen und zu verstehen, welche Botschaft sie sendet
  2. sich eine Strategie zu überlegen, um die Emotion zu verarbeiten und den richtigen Zeitpunkt wahrzunehmen, mich um die Botschaft zu kümmern.

Es kann Situationen geben, in denen es nicht angemessen oder nicht möglich ist, deine Gefühle sofort zu verarbeiten. Das heißt aber nicht, dass du sie gar nicht verarbeiten solltest. Zum nächstmöglichen Zeitpunkt und wenn die Umstände stimmen, kannst du zum Beispiel mit einem Freund darüber reden (Nähe und Verständnis), Laufen gehen (Stress abbauen), in den Boxsack schlagen (Wut loswerden) oder Tagebuch schreiben (Ruhe finden). Alles, was dir hilft, die emotionale Situation und deinen Umgang damit zu analysieren, die Emotion auszudrücken (verbal, kreativ, körperlich etc.) oder über alternative Varianten zu schädlichen Reaktionen auf die Situation nachzudenken, ist hilfreich.

Für mich als Christ ist beten eine sehr befreiende Strategie. Wenn Gott dann spricht und in Situationen eingreift, ändert sich sehr schnell, was ich fühle.

Um innerlich heil zu werden und ein erfülltes Leben zu führen, ist es wichtig, dass du dir selbst zugestehst, Gefühle zu haben und sie wahrzunehmen, angenehme und unangenehme. Dass du lernst, sie zu benennen und sie auf gesunde Art und Weise zu kommunizieren.

Erinnerst du dich noch an Tom? Der Junge, der lernte, dass Weinen falsch ist und stattdessen Aggression als Ventil genutzt hat? Seine Frau und Kinder haben überlebt. Er hat sich Hilfe gesucht und gelernt, mit seiner Frau gemeinsam zu weinen. Heute nimmt er seinen Sohn in den Arm und tröstet ihn. Heute sind sie glücklich.

Ich hoffe, auch du bist glücklich.

Wenn du einen Tom kennst, lass ihn nicht alleine. Denk daran: Das, was du von außen siehst, ist nicht immer das, was im Herzen wirklich los ist. 

4 Kommentare zu „FÜHREN MIT GEFÜHL: HILFE ICH FÜHLE

  1. Ich finde deinen Artikel sehr stark und ermutigend. Er spricht gerade in eine aktuelle Situation von mir hinein und gibt mir wertvolle Impulse, die ich umsetzen kann.

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